Emotionen und Nervensystem «Was wir nicht fühlen dürfen, kann krank machen»
In meiner über 30-jährigen Arbeit als Ärztin höre ich folgenden Satz immer wieder: «Meine Werte sind doch in Ordnung.» Mir gegenüber sitzt ein erschöpfter Mensch mit wechselnden Schmerzen, dessen Körper seit Monaten nicht mehr so funktioniert wie früher. Die Laborwerte aber sind unauffällig, also kann es nichts Ernstes sein, denken viele. Unauffällig bedeutet jedoch nicht automatisch gesund.
Was diese Menschen erleben, kenne ich genau. Oft haben sie jahrelang funktioniert, die Erschöpfung mit Kaffee kompensiert, die Trauer mit Arbeit übertüncht, die Angst mit Kontrolle in Schach gehalten. Emotionen hatten keinen Platz. Sie sind nirgendwo hingeflossen und haben sich im Körper festgesetzt. Irgendwann beginnt dieser eine Sprache zu sprechen, die sich nicht mehr überhören lässt: chronische Schmerzen, anhaltende Erschöpfung, Entzündungen ohne klaren Auslöser, manchmal eine Autoimmunerkrankung.
Die Idee, dass Körper und Gefühle zwei getrennte Welten seien, ist eine alt. Seit dem 17. Jahrhundert gilt der Körper als Maschine, die sich reparieren lässt; das Fühlen hingegen gilt als unabhängig davon. In dieser Logik wurde die Medizin gut darin, einzelne Organe und einzelne Befunde zu behandeln. Auf der Strecke blieb dabei der Blick auf das Ganze.
Das war ein folgenreicher Irrtum. Denn Emotionen, die keinen Ausweg finden, hinterlassen biochemische Spuren. Sie verändern Hormone, beeinflussen das Immunsystem und halten das Nervensystem in dauerhafter Alarmbereitschaft. Der Körper ist kein Ersatzteillager. Er ist ein lebendiges, vernetztes System.
Wenn der Alarm nicht mehr abschaltet
Stellen Sie sich vor, Ihr Körper hätte einen inneren Dirigenten. Er arbeitet rund um die Uhr und regelt Herzschlag, Atmung, Verdauung, Immunabwehr. Zudem entscheidet er, in welchem Modus Sie sich befinden: Regeneration oder Alarmbereitschaft.
Beides ist sinnvoll und notwendig. Das Problem beginnt jedoch, wenn der Alarm nicht mehr abschaltet wird und der Körper über Monate oder gar Jahre in erhöhter Bereitschaft bleibt, weil die Belastung nicht endet und das Leben keinen Raum für echte Erholung lässt. Dann schüttet er ununterbrochen Stresshormone aus. Die zuständigen Organe geraten unter Dauerlast. Irgendwann erschöpfen sie sich.
Was dann folgt, sehe ich regelmässig. Es ist eine Trias, die sich immer ähnelt: eine chronische, stille Entzündung, die sich in keinem einzelnen Befund festnageln lässt, aber überall spürbar ist. Eine Stressintoleranz, die früher nicht vorhanden war. Eine Erschöpfung, die jede Freude dämpft und die man nicht wegschlafen kann.
Die Ursachen sind oft dieselbe Geschichte. Viele von uns haben gelernt, Unangenehmes wegzuschieben. Trauer überspringen wir. Wut schlucken wir herunter. Nach aussen wirkt das wie Stärke. In Wahrheit ist es jedoch häufig Verdrängung mit einem anderen Namen. Verdrängung ist nicht harmlos. Sie hält das System in Dauerspannung und erzeugt eine Art Dauerwache im Nervensystem, die mit der Zeit das gesamte Milieu verändert. Was wir nicht leben, das lässt uns auf Dauer auch nicht leben.
Wie unmittelbar Gefühle in die Körperchemie eingreifen, zeigt sich am Herzen besonders eindrücklich. Es gibt eine Herzmuskelschwäche, die selbst bei vollkommen herzgesunden Menschen auftritt, ausgelöst durch einen schweren emotionalen Schock, wie etwa eine Todesnachricht. Der Herzmuskel verkrampft dabei, als hätte er einen Infarkt erlitten. Erlitten hat er jedoch keinen. Dieses Krankheitsbild wurde nach einem japanischen Arzt Takotsubo-Syndrom genannt.
Was die Forschung belegt
Die Idee, dass Emotionen den Körper beeinflussen, ist nicht neu. Schon Hippokrates, der vor 2’400 Jahren die Grundlagen der westlichen Medizin schuf, wusste das. Was sich verändert hat, ist die Beweislage.
Seit den 1970er-Jahren widmet sich ein eigenes Wissenschaftsgebiet genau diesem Zusammenhang: die Psychoneuroimmunologie. Psyche, Nervensystem und Immunsystem arbeiten nicht nebeneinander, sondern miteinander. Emotionale Belastungen lösen messbare biochemische Reaktionen aus. Stresshormone steigen. Entzündungsfördernde Botenstoffe nehmen zu. Studien belegen, dass chronischer psychischer Druck die Anfälligkeit für Infektionen erhöht, die Wundheilung verlangsamt und das Risiko für entzündliche Erkrankungen steigert.
Besonders gut untersucht ist die Verbindung zwischen Dauerstress und dem Gehirn. Das Stresshormon Cortisol, in kleinen Mengen lebensnotwendig, wird bei chronischer Belastung dauerhaft vermehrt ausgeschüttet. In dieser Konzentration schädigt es jene Hirnstrukturen, die für Gedächtnis und Orientierung zuständig sind. Mehrere Forschungsgruppen zeigen, dass Menschen mit langfristig erhöhten Cortisolwerten häufiger kognitive Einbussen entwickeln. Das Risiko für Demenz steigt messbar. Auch bei Tumorerkrankungen ist die Forschung darauf aufmerksam geworden. Ein dauerhaft belastetes Immunsystem verliert an Kontrollfähigkeit. Es übersieht, was es erkennen sollte.
Wenn Dauerstress zur Erkrankung wird
Gerne möchte ich Ihnen, selbstverständlich anonymisiert, von einer Patientin berichten – Anfang 50, Lehrerin, zwei Kinder, eine pflegebedürftige Mutter. Sie funktioniert zuverlässig und ohne zu klagen. Der Schlaf wird kürzer, die Pausen fallen weg. Dann die Diagnose: Brustkrebs. Im Rückblick sagt sie: «Ich glaube, mein Körper hat schon lange gerufen. Ich habe nie hingehört.» Was wir in der Diagnostik finden, sehen wir bei dieser Vorgeschichte oft: Das Immunsystem arbeitet unter stiller Entzündung, die Regulationsfähigkeit ist erschöpft. Kein einzelner Befund erklärt alles, aber der Blick auf den ganzen Menschen bringt Klarheit.
Was wir tun können
Wer jahrelang funktioniert hat, muss zunächst wieder lernen, sich selbst wahrzunehmen und zur Ruhe zu kommen. Heilung beginnt mit Regeneration, nicht mit noch mehr Disziplin. Wer abends nicht herunterfährt, nicht durchschläft und morgens nicht in Gang kommt, dessen System hat die Grenze längst überschritten. Allein das wieder zu ordnen, verändert die Chemie im Körper messbar.
Manchmal reicht das jedoch nicht aus, weil die Belastung zu lange zu gross gewesen ist. Dann sind weitere Massnahmen erforderlich: eine Diagnostik, die den ganzen Menschen erfasst, und Behandlungen, die die körperliche und die emotionale Ebene gleichzeitig berücksichtigen. In der biologischen Medizin messen wir Werte, die in Standardlabors nicht erfasst werden, und wir nehmen uns Zeit für Fragen, die sonst keine Beachtung finden. Wir schauen auf das gesamte innere Milieu und suchen nach der Ursache. Zur Heilung braucht es Wahrheit und die Bereitschaft, auch unbequeme Fragen zu stellen.
Zur Autorin
Dr. med. Petra Wiechel
Chefärztin Swiss Mountain Clinic
Fachärztin für Allgemeinmedizin (D)
Expertin für biologische Medizin
(Universität Mailand)
Erstellt: 25.06.2026 07:00 Uhr
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