Vorhofflimmern «Diese neuen Technologien bringen sehr gute Resultate»

Vorhofflimmern birgt das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Prof. Christian Sticherling spricht über die Gründe und die verschiedenen Therapieoptionen. Besonders im Blickpunkt: die Ablation.

Elektroanatomische Karte mit Blick auf den linken Vorhof und die vier Pulmonalvenen von hinten vor und nach der Pulmonalvenenisolation (rot = isoliertes Areal).

Herr Prof. Sticherling, warum erhöht sich bei Vorhofflimmern das Schlaganfallrisiko?
Beim Vorhofflimmern kontrahiert der Vorhof nicht mehr, weshalb im sogenannten Vorhofsohr der Blutfluss sehr stark herabgesetzt ist, sodass sich Blutgerinnsel bilden können. Werden diese weggeschwemmt, kann es schlimmstenfalls zu einem Schlaganfall kommen.


Wie lässt sich diese Gefahr minimieren?
Das Risiko kann durch den Einsatz von modernen Blutgerinnungshemmern deutlich reduziert werden. Anhand eines Risiko-Scores, bei dem vor allem das Alter sowie hoher Blutdruck und Diabetes mellitus eine grosse Rolle spielen, entscheidet der Arzt, welcher Patient einen Blutgerinnungshemmer benötigt.


Bei bestimmten Patienten setzen Sie einen Vorhofohrverschluss ein. Was kann dieser bewirken?
Hin und wieder führt die Blutverdünnung zu wiederholten stärkeren Blutungen, sodass die gerinnungshemmende Therapie nicht durchgeführt werden kann. Als Alternative kommt der Verschluss des Vorhofsohrs in Betracht. Bei diesem minimalinvasiven Eingriff wird ein «Pfropf» über die Leistenvene im linken Vorhofsohr platziert. Derzeit laufen grosse Studien, um zu evaluieren, ob dieses Verfahren als Alternative zur Blutverdünnungshemmung bei allen Patienten anwendbar ist.


Welche Therapien kommen grundsätzlich bei Vorhofflimmern zum Einsatz?
Nach der Diagnose gilt es zunächst zu entscheiden, ob eine Blutgerinnungshemmung begonnen werden soll oder nicht. Im Anschluss daran wird geprüft, ob eine sogenannte Rhythmuskontrolle anzustreben ist. Bei jüngeren, symptomatischen Patienten ist dies zumeist das Therapieziel. Hierbei kommt zunehmend und mit sehr gutem Erfolg die Ablation der Pulmonalvenen zum Einsatz. Die Ablation ist ein bereits seit 30 Jahren angewandtes Katheterbasiertes Verfahren zur gezielten Zerstörung von Herzmuskelzellen, die beim Entstehen oder Weiterleiten von Rhythmusstörungen beteiligt sind.

 

Welche Rolle spielen Medikamente?
Vor allem bei älteren Patienten ohne Symptome und mit bereits lang anhaltendem Vorhofflimmern entscheidet man sich häufig für eine Frequenzkontrolle. Das bedeutet: Man akzeptiert das Vorhandensein des Vorhofflimmerns und gibt Medikamente, welche dafür sorgen, dass der Puls nicht dauerhaft zu schnell ist.


Wie kann man sich eine Ablation vorstellen?
Zumeist wird hier mittels Wärme oder Kälte eine kleine Narbe erzeugt. Die durch die sogenannte Radiofrequenzablation respektive Cryoablation entstehenden Läsionen sind so klein, dass die Herz funktion hierdurch nicht beeinträchtigt wird. Man weiss bereits seit langem, dass bei der Entstehung des Vorhofflimmerns die Pulmonalvenen eine zentrale Rolle spielen. Diese vier Venen drainieren das in der Lunge mit Sauerstoff angereicherte Blut in den linken Vorhof. Im Bereich, an dem diese Venen Anschluss in den Vorhof finden, enthalten die Venen selber noch einige Herzmuskelzellen. Es hat sich gezeigt, dass diese als Trigger fungieren können und dass die elektrische Isolation der Pulmonalvenen die Rhythmusstörung sehr effektiv behandeln kann.


Doch es gibt auch neue Methoden ...
Ja, richtig. Neben den klassischen Methoden zeigt in erfahrenen Zentren eine neuartige Methode, bei der mittels sehr kurzer, starker Stromimpulse, der sogenannten pulsed field ablation, die betreffenden Zellen schnell zerstört werden, sehr gute Resultate – mit zunehmend kürzerer Interventionsdauer. Bei Patienten mit nur anfallsweise auftretendem Vorhofflimmern gehen wir von Erfolgsraten von 85 bis 90 Prozent aus, wobei sich rund jeder Fünfte eines Zweitengriffs unterziehen müssen.


Wann sind die Erfolgsaussichten, Vorhofflimmern in den Griff zu bekommen, am besten?
Bei der Rhythmuskontrolle sind die Aussichten dann am besten, solange das Vorhofflimmern nur anfallsweise auftritt. Denn mit zunehmender Dauer beginnt sich der Vorhof selber strukturell umzubauen. Ist ein Patient länger als ein Jahr durchgehend im Vorhofflimmern, nehmen die Erfolgschancen der Pulmonalvenenisolation deutlich ab. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass weitere Trigger im Vorhof entstehen, die wir noch nicht gut identifizieren können. Tritt ein jahrelang nur anfallsweise auftretendes Vorhofflimmern dauerhaft auf, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem spätestens eine Ablation diskutiert werden sollte. Andernfalls sinken im weiteren Verlauf die Erfolgsaussichten.

«Diese neuen Technologien bringen sehr gute Resultate»

Im Interview

Prof. Dr. med. Christian Sticherling
Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin
Stv. Chefarzt / Leiter Elektrophysiolgie
Universitäres Herzzentrum Basel

Erstellt: 10.09.2023 07:00 Uhr

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